Folge 2: Frauen in der Transformation

1990 war auch aus der weiblichen Perspektive heraus ein Jahr des Wandels. Zwei Aspekte haben auf unterschiedliche Weise den Alltag der Frauen in Ost und West verändert: das Scheidungsrecht und die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch.

Abtreibung war in der DDR seit 1972 innerhalb der ersten drei Monate ohne Angabe von Gründen möglich und wurde nicht als Straftat angesehen – im Gegensatz zu §218 in der Bundesrepublik.

Im Frühjahr 1990 zogen zehntausende Demonstrantinnen vor die Parlamente in Berlin und Bonn, um gegen die Übernahme des Abtreibungsparagraphen §218 zu demonstrieren. Es folgte eine öffentliche und vor allem politische Debatte.

Das Thema Scheidung hingegen steht noch weniger im Fokus der Erzählungen rund um das Jahr 1990, als die Diskussionen um §218.

Jana spricht mit ihrem Gast, der Wissenschaftlerin Dr. Anja Schröter, über Scheidungsrecht in der DDR, die Entwicklungen im Jahr 1990 und was sich für Frauen in Ost und West nachhaltig verändert hat.

Unser Gast:

Dr. Anja Schröter studierte Geschichts- und Politikwissenschaft an der Universität Potsdam und promovierte zur Ehescheidungspraxis in Ostdeutschland. Von 2011 bis 2019 war sie am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam tätig.

Seit 2019 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.


Links:

Themenseite bei der MDR Zeitreise
https://www.mdr.de/zeitreise/ddr/schwangerschaftsabbruch-abtreibung-ddr100.html

Deutsche Einheit 1990
https://deutsche-einheit-1990.de/ministerien/mfff/schwangerschaftsabbruch

Themenseite beim Deutschlandfunk
https://www.deutschlandfunk.de/appelle-des-20-jahrhunderts-2-protest-gegen-das.724.de.html?dram:article_id=418358

Stern, Ausgabe vom 6. Juni 1971, Titelbild: Wir haben abgetrieben!
https://www.hdg.de/lemo/bestand/objekt/druckgut-stern-wir-haben-abgetrieben.html

Artikel von Dr. Anja Schröter über Frauen und Ehescheidung in der DDR
https://www.goethe.de/ins/se/de/kul/sup/umb/21696917.html?forceDesktop=1

Artikel von Dr. Anja Schröter über Frauenbilder in Ost und West
https://zeitgeschichte-online.de/thema/geteilt-und-vereint-frauenbilder-ost-und-west.


Musik: Alexander Köpke und Maximilian Schöne, 2020

2 Kommentare zu „Folge 2: Frauen in der Transformation

  1. Die Folge hat mich etwas ratlos zurückgelassen. Ich bin 1964 in der DDR geboren und habe 1984 geheiratet (und bin tatsächlich noch verheiratet…).

    Folgendes habe ich mich beim zuhören und seitdem seit einigen Tagen gefragt:

    1) Wieso werden Abtreibung und Scheidung in der gewählten Form nebeneinandergestellt? Jedes der Themen bleibt damit seltsam blass und oberflächlich.

    Dass Abtreibung zur Straftat wurde trotz heftiger Gegenwehr konnten wir damals nicht fassen und dass es das heute immer noch ist, hätten wir nicht geglaubt. Dazu verschlechtert sich die Situation in Bezug auf konkrete Eingriffe immer weiter (vielleicht nicht ganz so krass in Berlin aber überall sonst) weil dafür nicht ausgebildet wird und weniger Krankenhäuser/Ärzt:innen das anbieten und z.B. in Corona-Zeiten hier aktive Schwierigkeiten mit der Zwangsberatung aufgebaut wurden und Informationen als „Werbung“ unter Strafe gestellt sind. Das ist doch echt krass. Ich fasse das immer noch nicht und es macht mich sehr wütend. Man kann niemanden zum Blut spenden verpflichten, aber dazu ein Kind auszutragen? Außerdem verschlechtern sich zeitgleich seit Jahren die Bedingungen für eine sichere Geburt und sobald das Kind geboren ist, ist es der Gesellschaft total egal und Privatsache.

    2) Als Ostfrau ist das Scheidungsthema kein Frauenthema. Änderungen hier wie zusätzliche Kosten und Zeitaufwand des Trennungsjahres sowie der Gerichte sind ein Thema für beide Partner. Zwischen den Zeilen kam das ja im Gespräch auch raus, denn Scheidung als Frauenthema ist eine Westsicht. Weil einerseits Frauen im Osten für sich selbst gesorgt haben und das weiterhin eher tun und weil Kinder sehr viel mehr in der Fürsorge der Gesellschaft standen und das im Osten auch noch etwas besser klappt durch mehr Betreuungsangeboten.

    Es bleibt trotzdem schon etwas krass, wenn man einen so wichtigen Vertrag zu bestimmten Bedingungen schließt und dann von außen einfach die Spielregeln geändert werden.

    Übergangsregeln ändern das auch nicht wirklich, wenn ich nicht gerade konkret eine Scheidung zu dem Zeitpunkt anstrebe sondern erst später benötige.

    Und dabei wurde in dem Gespräch noch nicht einmal erwähnt, dass auch noch die Art der Gütergemeinschaft geändert wurde ohne dass das auch nur je offiziell thematisiert wurde (nämlich von der europaweit üblichen Erwerbsgemeinschaft wurde auf die bundesdeutsche Sonderregel der sogenannten Zugewinngemeinschaft umgestellt).

    3) Wieso wird das was Ehe darstellt überhaupt nicht in den gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt? Statt dessen wird der Vorgang der Scheidung nach DDR-Recht als irgendwie exotisch geschildert. Dabei passt das einfach genau auf die Rolle, die Ehe und Familie und auch die Kollegen auf der Arbeitsstelle in der Gesellschaft der DDR hatten und ich empfinde eher die bundesdeutsche Verfahrensweise als sehr seltsam, weil da z.B. eine Tradition von Ehe vorgegaukelt wird, die es so gar nicht gibt und so getan wird, als sei das Privatsache. Dabei ist es doch ganz tief in die gesellschaftlichen Gegebenheiten eingebettet.

    1. Hallo Frau Thäter und herzlichen Dank für Ihr Feedback!

      Zu 1) Sie haben natürlich recht; gerade da es sich um zwei zentrale und auch emotionale Aspekte handelt, reichen 40 Minuten bei weitem nicht aus. Die Relevanz des Themas besteht ja, wie Sie sehr richtig geschrieben haben, bis heute.
      Uns war es jedoch trotz der Kürze der Zeit wichtig, beide Themen anzusprechen und zur Diskussion zu stellen. Darum hat Jana am Ende der Folge auch darauf hingewiesen, sie bewusst als Anregung zu eigenen Nachforschungen und Diskussionen zu verstehen.

      Zu 2) Vielen Dank für Ihre Ergänzungen. Das Thema Scheidung war und ist bis heute kein reines Frauenthema, weist jedoch in den Unterschieden in Ost und West vor 1990, den Veränderungen im Jahr der deutschen Einheit und den daraus folgenden Konsequenzen durchaus auf unterschiedliche Frauenbilder und Erwartungen hin. Dieser Aspekt war uns wichtig.

      Zu 3) Was die Einbettung von Ehe und den mit ihr verbundenen Geschlechterrollen in die gesellschaftlichen Gegebenheiten betrifft, können wir Ihnen nur zustimmen. Den gesellschaftlichen Zusammenhang sehen wir durchaus dargestellt. Frau Schröter betont im Gespräch, dass die Vorstellungen und Bilder von Geschlechtern immer im Zusammenhang mit der Gesellschaft und der in ihr vorherrschenden Ideologie untersucht werden müssen. Zu Beginn geht sie bei der Beschreibung der Scheidungspraxis in der DDR auch auf verschiedene Aspekte der Ehe und Eheschließung ein.

      Nochmals vielen Dank für Ihren Kommentar und alles Gute für Sie!

      Das BABcast-Team

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