Folge 6: Jedem seine Akte!

Die Friedliche Revolution in der DDR fegte auch das gefürchtete Ministerium für Staatssicherheit (kurz: Stasi) hinweg. Ab Dezember 1989 besetzten engagierte Bürgerinnen und Bürgern überall im Land Dienststellen der Geheimpolizei, am 15. Januar 1990 schließlich auch deren Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Was noch wenige Monate zuvor absolut unvorstellbar war, geschah: Ende März gleichen Jahres hörte die Stasi praktisch auf zu existieren.

Daraus ergaben sich zahlreiche Folgeprobleme, eines der drängendsten war dieses: Wie sollte man nun eigentlich mit den Hinterlassenschaften des Geheimdienstes umgehen? Wohin mit den Akten, den Fotos, den Filmen und vielem anderen mehr? Im Sommer 1990 spitzten sich die Auseinandersetzungen über diese Fragen dramatisch zu – und sie gipfelten im September in einer zweiten Besetzung des Geländes in Berlin-Lichtenberg, auf dem sich jetzt ein Archiv mit Stasi-Unterlagen befand.

Zwei Wochen rangen Besetzerinnen und Besetzer, Politik und Öffentlichkeit um die Zukunft dieser Unterlagen. Die Lösungsvorschläge reichten dabei von der Vernichtung der Akten über ihren langjährigen Verschluss bis hin zur völligen Offenlegung. Am Ende stand kein Kompromiss, sondern eine klare Weichenstellung, die wesentlichen Einfluss auf die kommenden Jahre und unseren Blick auf die DDR nehmen sollte. Die Geschichte dieser Besetzung zeigt damit auch, dass zivilgesellschaftliches Engagement den Lauf der Dinge ganz wesentlich beeinflussen kann.

Unser Gast:

Wolfram „Tom“ Sello, geboren 1957 im sächsischen Meißen, engagierte sich zu DDR-Zeiten in verschiedenen Oppositionsgruppen, insbesondere, nachdem er 1979 nach Ost-Berlin gezogen war. Er organisierte Fahrraddemonstrationen gegen die allgegenwärtige Umweltverschmutzung und verbreitete 1982 gemeinsam mit Freunden Flugblätter gegen das neue Wehrdienstgesetz sowie die allgemeine Militarisierung der Gesellschaft. Ab 1987 arbeitete er in der oppositionellen Umweltbibliothek mit. 1989 nahm er sowohl an der unabhängigen Kontrolle der Kommunalwahlen im Mai teil als auch an der Mahnwache in der Gethsemanekirche im Oktober. Er war langjähriger Mitarbeiter der Robert-Havemann-Gesellschaft e. V. und ist seit November 2017 Berliner Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Links:

Zeitzeugenbericht Stephan Konopatzky bei der Bundeszentrale für politische Bildung

Beschreibung der Abläufe bei der MDR Zeitreise

Themenlayer auf jugendopposition.de

Zeitzeugin Martina Graeser zu Mahnwache (Film)


Musik: Alexander Köpke und Maximilian Schöne, 2020